Manchmal müssen wir bewusst loslassen

Zu jedem Neuanfang gehört das Loslassen des Vorangegangenen. In ihrem Buch „Immer wieder neu anfangen“ beschreibt die Bestsellerautorin Verena Kast, wie das gehen kann. Wir haben nachgefragt:

Frau Kast, 2020 war für die meisten von uns ein schwieriges Jahr. Wir haben erfahren, dass wir selbst nicht immer alles in unserer Hand haben und kaum noch irgendetwas planen können. Wie das neue Jahr wird, ist für uns alle ungewiss, ungewisser als jemals zuvor. Wie kann es uns da gelingen, zuversichtlich und hoffnungsvoll auf das neue Jahr zu blicken?

Es gibt eine Form der Hoffnung, die uns nicht verlässt, solange wir lebendig sind. Auch wenn wir denken, dass nichts mehr geht, gehen wir weiter und erwarten, dass das Leben weitergeht, dass es auch gute Lösungen geben wird. Wir vertrauen auf Lösungen, die wir miteinander finden werden. Und die möglichen Impfungen sind ja auch schon ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Ganz praktisch: Haben Sie nicht auch schon Vorstellungen, was Sie unternehmen werden, welche liebgewonnenen Orte Sie wieder aufsuchen werden, wie Sie sich freuen werden, alte Freunde wieder zu treffen, wenn der Spuk vorbei ist? Wenn die Impfungen wirken? Und kommt da nicht auch schon etwas Vorfreude auf?

Wir sind darauf fixiert, unser Leben zu planen und zu kontrollieren, müssen nun aber einsehen, dass das so nicht mehr geht. Wie können wir mit einem solchen Kontrollverlust am besten umgehen?

Wir müssen akzeptieren, dass wir das Leben nie so vollständig kontrollieren konnten, wie wir es uns vielleicht eingebildet haben. Dieses Faktum löst Angst und vorübergehende Hilflosigkeit aus. Die Emotionen, die mit einem partiellen Kontrollverlust einhergehen, müssen wir wahrnehmen und auch benennen. Wir haben etwas verloren. Aber dann geht es darum, und darum ging es wohl schon immer im Leben, mit der Unsicherheit umzugehen. Angesichts von Unsicherheit uns so viel Sicherheit als irgend möglich zu schaffen. Und dazu brauchen wir Menschen einander. Der Verlust der Kontrolle fordert uns zum Vertrauen heraus: Vertrauen in andere, in Anderes, in uns selber, in Lösungen, die wir miteinander finden können. Dann geht es aber auch darum, dass wir akzeptieren, dass wir nicht alles kontrollieren können, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt: dass wir mit den unkontrollierbaren Gegebenheiten trotzdem umgehen können.

  • Verena Kast ist Professorin für Psychologie, Psychotherapeutin, Dozentin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Zürich. Sie hat viele Werke zur Psychologie der Emotionen, zu Grundlagen der Psychotherapie und zur Interpretation von Märchen und Träumen verfasst. Zuletzt erschien von ihr „Immer wieder neu beginnen“ im Patmos Verlag.

Das ganze Interview finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 1/2021

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