Manchmal genügt ein einziger aufmerksamer Blick oder ein ehrliches Wort, um uns tief zu berühren. Warum das Gesehenwerden unser Selbstwertgefühl prägt, weshalb Übersehenwerden so schmerzhaft sein kann und was wir selbst dazu beitragen können, dass andere sich wahrgenommen fühlen.
ann hast du dich zum letzten Mal wirklich gesehen gefühlt? Bei mir war es vor einiger Zeit ausgerechnet auf dem Behandlungsstuhl einer Zahnarztpraxis. Eine Zahnhygienikerin lobte meine vorbildliche Zahnpflege. Wenige Sätze, erstaunliche Wirkung. Ich fühlte mich in einer Mühe wahrgenommen, die gewöhnlich unsichtbar bleibt.
Vielleicht lächelst du über diese Banalität. Doch selbst in solchen unscheinbaren Momenten offenbart sich etwas über ein erstaunlich facettenreiches, weitreichendes und existenzielles menschliches Thema. Beim Gesehenwerden denken viele zunächst an das Lob des Chefs oder ein anerkennendes Wort im richtigen Moment. Dabei wirkt das Phänomen bereits in den feinsten Mikromomenten unseres Alltags, prägt unser innerstes Selbstgefühl und reicht bis in die großen gesellschaftlichen Ordnungen hinein, die mitbestimmen, wer überhaupt sichtbar wird.
Die verborgene Kraft des Gesehenwerdens
Besonders aufschlussreich ist eine einfache Umkehrung der Fragestellung: Wann schmerzt es uns, nicht gesehen, also übersehen zu werden? Wer sich selbst und sein Umfeld unter diesem Blickwinkel beobachtet, betritt rasch ein weit verzweigtes Gelände menschlicher Verletzlichkeit.
Ein Kollege übergeht die Sorgfalt, mit der wir seit Wochen an einer Aufgabe arbeiten, und bleibt an einem kleinen Fehler hängen. Eine Freundin hört zwar das Zögern in unserer Stimme, wechselt aber zum nächsten Thema. Der Partner vertraut Tag für Tag auf unsere gewohnte Verlässlichkeit und bemerkt kaum, wie erschöpft wir längst sind. Wir werden auf die fürsorgliche Mutter, den ewigen Optimisten, die starke Schwester oder den unerschütterlichen Problemlöser festgelegt und erleben, wie festgeschriebene Bilder die vielen weiteren Seiten unseres Wesens überdecken. Andere überschreiten unsere emotionalen oder körperlichen Grenzen, weil sie deren Warnzeichen übersehen. Unser Schmerz trifft auf vorschnelle Deutungen, unsere Freude auf Menschen, die innerlich längst beim nächsten Thema sind. Unsere elementarsten Bedürfnisse bleiben unbeachtet.
Im Blick der anderen
Solche Momente können uns erstaunlich tief treffen. In ihnen berührt uns oft weit mehr als eine ausgebliebene Anerkennung. Wir erleben, dass etwas Wesentliches von uns im Gegenüber keinen Widerhall findet, manchmal sogar ein Teil unseres Wesens, für den wir selbst erst langsam Worte finden.
Dabei kann im Gesehenwerden auch viel Potenzial stecken. Der Blick eines anderen kann Kräfte in uns freisetzen, zu denen wir selbst bislang kaum Zugang gefunden haben. Jemand traut uns einen Schritt zu, vor dem wir seit Monaten zurückweichen. In einer schwierigen Lebensphase erkennt ein Mensch unsere Standfestigkeit, während wir selbst vor allem das mühsame Durchhalten spüren. Solche Erfahrungen erweitern unser Selbstbild und können Entwicklungen anstoßen, die ohne diese Resonanz lange ungelebt geblieben wären.
Zum Weiterlesen:
Ellen Kuhn, Im Blick der Anderen. Die Kunst, sich gesehen zu fühlen, 23,50 Euro
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