Kann aus etwas Furchtbarem etwas Kostbares entstehen? Und wie kann das Leben weitergehen, wenn wir das Liebste verlieren? Die Geschichte von Barbara Pachl-Eberhart zeigt, dass auch aus Schmerz etwas Gutes wachsen kann – zart, wahrhaftig und wundervoll.
Es gibt Augenblicke, da kippt das Leben, von einer Sekunde auf die andere. So erging es Barbara, 33, einer jungen Frau und Mutter aus Gleisdorf in der Steiermark. 20. März 2008, Gründonnerstag – ein Wimpernschlag, ein Sekundenbruchteil veränderten ihr Leben für immer. Ihr Mann Heli und sie waren glücklich. Sie waren gerade mit ihren Kindern, Thimo, 6 Jahre und Valentina, genannt Fini, 2 Jahre, in ein neues Haus gezogen. Der Tag hatte so schön begonnen und nur ein paar Stunden später verunglückten ihr Mann und die beiden Kinder. Heli war mit dem gelben Clownbus auf einem unbeschrankten Bahnübergang von einem Zug erfasst worden. Er war sofort tot, die Kinder wurden schwer verletzt. Als sie den Anruf bekommt, steht Barbara im Supermarkt und kauft gerade Schoko-Ostereier ein. Noch ahnt sie nicht, wie schlimm es ist. Aber bereits auf der Fahrt zurück zum Unfallort fühlt sie, wie sich ein „Liebesmantel“ warm und beschützend um sie legt. Seitdem spürt sie die Präsenz ihres Mannes Heli fast immer bei sich: „An manchen Tagen fühle ich mich so, als wäre ich von deinem Wesen beseelt. Als wärst du in meinem Herzen zu Besuch. Das sind schöne Tage“, schreibt sie in ihrem Buch „Vier minus drei“, das 2010 erschien.
Weil auch der Schmerz zu uns gehört
Die nächsten Tage erlebt sie wie in Trance. Sie bangt und wacht am Bett ihrer Kinder im Krankenhaus. Das Schicksal will, dass es dasselbe Spital ist, wo sie als Klinikclown arbeitet: „Ich kannte das Krankenhaus und die Leute, ein großes Glück, dass ich vier Tage dort sein konnte“, erzählt Barbara in einem Interview.
Als ihr „Engalein“ Fini stirbt, geht sie gerade draußen im Wald spazieren, in einem Zustand zwischen Traum und Realität. Sie sieht Rehe, ganz nah, fühlt sich geborgen: „Im Wald habe ich auch Fini getroffen. Sie war immer neben mir, so lustig und süß. Und plötzlich sah ich sie vor mir in einem Ball aus Licht. Wie in einer Seifenblase aus hellem, gelbem Licht. Sie hat gestrahlt. Ich wusste, es kann ihr nichts passieren. Im Wald habe ich dann immer wieder dieses Bild gesehen. Es hat mir einen unglaublichen inneren Frieden geschenkt.“, erklärt Barbara später in einer Mail an ihre Familie und Freunde. Für sie ist klar: Sie durfte mit Fini ein Stück ins Jenseits, ins Licht, bis zur Himmelstür mitgehen. Der Tod, das Sterben, das Leben danach machen ihr keine Angst mehr. Im Gegenteil: Ein Gefühl von Trost und tiefer Liebe erfüllt sie. Sie weiß, es ist ein guter Ort, an dem ihre Lieben nun sind.
Auch Thimo, ihren kleinen Kämpfer, begleitet sie bis zu seinem letzten Herzschlag und bittet auch ihre Kollegen, die (Rote Nasen) Clowndoctors, dazu, als am Ostermontag die lebensverlängernden Maßnahmen auf ihren Wunsch beendet und die Maschinen abgeschaltet werden: „Alle Gefühle waren in einem Raum. Das ganze Leben war im Raum und der ganze Tod. Ich durfte Thimo so lange halten, wie ich wollte, und auch er wurde dann hingelegt, mit seinem Cosmo und seinem Seehund. Die Clowns haben mich hinausbegleitet. Hinaus ins Leben“, beschreibt sie den Moment des Abschieds.
Ein kunterbuntes Seelenfest
Sie weiß auch, dass sie keine klassische, traurige und düstere Beerdigung will, sondern dass sie ein kunterbuntes Seelenfest mit Ballons und Clowns feiern will. Und sie sagt bis heute auch nicht Friedhof, sondern Flughafen. Die Nachricht, die sie an Freunde, Familie und ihren gesamten Mailverteiler schickt, wie sie sich dieses „Seelenfest“ vorstellt, berührt und geht viral: „Wir wollen die drei Engel gern mit einem schönen Fest verabschieden. Die Clowns werden auch da sein, es wird viel Musik geben, und vielleicht könnt ihr einen Teil der Energie erleben, die ich erleben durfte. Die euch auch weiterträgt, mit mir zusammen. (…). Alle Clowns, die kommen – wenn ihr es schafft, kommt mit Nase, kommt im Kostüm (ihr könnt euch dort auch umziehen), kommt mit Instrument. Ich werde noch sooo viel Kraft zum Leben brauchen und ihr potenziert die Kraft! Ihr seid ein Teil meines Lebens, in einem Sinn, den wir vielleicht alle noch nicht erfassen können. Alle anderen, kommt, wie ihr möchtet. Wenn es euch ein Bedürfnis ist, kommt in Schwarz, aber sonst bitte nicht. Zieht euch bunt und lustig an. Seid verrückt. Habt keine Hemmungen, das zu tun, wonach euch ist. (…) Und ein Letztes: Schickt dieses Mail weiter an alle, die Heli oder mich oder Thimo oder Fini kennen. Auf die Gefahr hin, dass es viele doppelt und dreifach bekommen. Ich möchte, dass Heli ein volles Haus hat am Samstag. Ich habe euch unendlich lieb! Eure Barbara“.
Nach der Beisetzung fällt sie in ein tiefes Loch. Wochenlang zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück, bleibt im Bett, schläft viel, denn in ihren Träumen ist sie ihren Liebsten am nächsten. Es gibt Tage, an denen ihr selbst Aufstehen, Zähneputzen oder Anziehen schwerfallen. Ganz langsam und behutsam wagt sie sich ins Leben zurück: „Schritt für Schritt taste ich mich vorwärts. Blicke weder nach rechts noch nach links und schon gar nicht nach unten. Das Einzige, was zählt, ist der nächste Schritt. Immer wieder. Der nächste Schritt.“
Die Hoffnung ist stärker
Großes Gefühlskino: der Regisseur Adrian Goiginger hat zusammen mit Drehbuchautor Senad Halilbašić und in enger Zusammenarbeit mit Barbara Pachl-Eberhart, aus ihrer Geschichte einen wunderbaren, einfühlsamen und hoffnungsvollen Film gemacht, der dieses Jahr auf der Berlinale uraufgeführt wurde. Die Schauspielerin Valerie Pachner spielt Barbara. Die eindrückliche Botschaft: selbst wenn das Schicksal manchmal ein mieser Verräter ist, das Leben ist „trotz allem“ ein Fest!
Und: Kunst kann Leben retten!
Der Film zum Buch ab 6. März in Österreich und ab 16. April in Deutschland in den Kinos.
Buchtipp: Barbara Pachl-Eberhart, Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, Heyne Verlag
Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 2/2026



