Der Benediktinerpater und Bestsellerautor Anselm Grün über die Kraft des Innehaltens, heilsame Stille und das, was uns Halt gibt.
Lieber Pater Anselm, Ihr Buch „Was der Seele gut tut“ ist mit über 180.000 verkauften Exemplaren eines Ihrer erfolgreichsten Bücher. Es scheint auf ein echtes Bedürfnis zu treffen?
In einer Zeit, in der uns ständig negative Nachrichten erreichen, sehnen sich die Menschen offensichtlich nach etwas, was ihnen guttut, was Hoffnung und Zuversicht schenkt.
Was meint eigentlich „Seele“? Nur eine innerpsychische Wirklichkeit?
Mit Seele ist hier nicht im philosophischen Sinn gemeint, sondern als Bild für das Innere des Menschen: seine Gefühle, sein Denken und auch seine Offenheit zur Transzendenz, zu Gott. Das schließt die körperliche Dimension nicht aus. Die Seele drückt sich im Leib aus. Der Leib ist beseelt. Graf Dürckheim meint: Ich habe einen Körper, aber ich bin mein Leib. Im Leib zeige ich mich, drücke ich mein Innerstes aus. Das körperliche Befinden wirkt sich immer auch – positiv oder negativ – auf die seelische Verfassung aus. Und umgekehrt hat auch das seelische Befinden Auswirkungen auf den Leib.
Welche Rolle spielen Werte wie Achtsamkeit, Dankbarkeit oder Vergebung beim Wachstum der Seele?
Alle drei sind auf ihre Weise wichtig: Achtsamkeit lädt dazu ein, den Moment bewusst zu erleben und darin zugleich etwas Zeitloses zu spüren. Indem wir den Strom der Zeit immer wieder unterbrechen, öffnen wir uns für das, was wirklich zählt. Dankbarkeit ist eine Form von Achtsamkeit: Sie kann negative Stimmungen auflösen, innere Unruhe beruhigen und das ständige Verlangen nach „mehr“ abschwächen. Wenn ich wertschätze, was ich habe und wie ich lebe, schenkt mir das inneren Frieden – und oft auch echtes Glück. Ähnlich ist es mit der Fähigkeit zu vergeben: Vergebung ermöglicht Versöhnung, sodass vergangene Verletzungen uns nicht länger voneinander trennen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir Frieden mit uns selbst gefunden haben – nur wer sich selbst akzeptiert, kann wirklich mit anderen in Frieden leben.
Wie helfen Gebete oder meditatives Innehalten dabei, uns innerlich zum Blühen zu bringen?
Häufig hat sich eine Deckschicht aus Sorgen, Ängsten oder Problemen über unseren inneren Raum gelegt. Wenn ich sage, dass Beten helfen kann, meine ich damit nicht in erster Linie das Rezitieren auswendig gelernter Worte. Es ist vielmehr ein Weg, sich von der Unruhe der Welt abzuwenden und wieder Zugang zu diesem Raum zu finden, in dem wir eins sind mit Gott. In der Stille halten wir unsere Wunden Gott hin, damit Gottes Liebe sie verwandelt und heilt.
Und welche Rolle spielt dabei die Meditation?
Meditation ist eine bestimmte Technik des Innehaltens. Ich achte auf meinen Atem und lasse mich von meinem Atem in den Grund meiner Seele führen. Auch dabei ist entscheidend, den Weg zu deinem Inneren zu suchen und zur eigenen Mitte zu gelangen: in einen Raum der Stille, des Friedens und des Lichts. Das hilft übrigens auch im Alltag: Wir kommen auf neue Gedanken, werden kreativ, können uns wieder besser auf wirklich Wesentliches konzentrieren.
Weitere Beiträge von Anselm Grün:
Was der Seele guttut
Worauf wir vertrauen könnnen
Das ganze Interview findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 2/2026



