Worauf wir vertrauen können

Die Krise hat uns hart mit unserer Endlichkeit konfrontiert und Ängste geweckt. Aber auch gezeigt, wie wichtig es ist, in solch schweren Zeiten den Mut und die Zuversicht nicht zu verlieren. Anselm Grün ist davon überzeugt, dass das Vertrauen gerade in Zeiten der Krise ein tieferes Fundament braucht.

In der Corona-Krise mussten wir viel Vertrautes loslassen: unseren gewohnten Lebensrhythmus, unsere Gewohnheit, etwa mit Freunden mal in den Biergarten zu gehen oder gemeinsam in den Urlaub zu fahren. Und wir mussten unsere Pläne loslassen. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Wir konnten auf einmal nicht mehr für die nächsten Wochen planen. Gerade in einer Situation, in der so viel Vertrautes wegbricht, brauchen wir das gegenseitige Vertrauen aber ganz besonders. Wenn der vertraute Boden wegbricht, braucht es ein anderes Fundament, das uns Sicherheit schenkt. Eine Umfrage zur Corona-Krise zeigte: „Das eigene Dach über dem Kopf“ war für 67 Prozent ein Grund zur Dankbarkeit, mehr noch als alle digitalen Möglichkeiten der Vernetzung: Da war einerseits ein neues Gespür für das Vertraute und Nahe spürbar, eine neue Wertschätzung für Heimat. Darin spiegelt sich auch Vertrauen zu nahen Menschen: zum Ehepartner, zu Freunden. Aber nicht nur das.

In einer Situation, in der Vertrautes wegbricht, brauchen wir das gegenseitige Vertrauen

Es gibt auch einen anderen gesellschaftlichen Aspekt. In der Krise mussten die Politiker unliebsame Entscheidungen treffen, Entscheidungen, die unser privates Leben, aber auch das öffentliche Leben erheblich eingeschränkt haben. Da regte sich in vielen Widerstand. Aber in so einer schwierigen Situation haben wir auch erfahren, dass ein Vertrauen in die Grundwerte unserer Gesellschaft und ein Zutrauen, dass die Verantwortlichen nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, eine Bedingung dafür ist, dass wir gemeinsam diese Krise bewältigen können. Wir brauchen ein Grundvertrauen in die Mitmenschen, dass sie sich genauso wie wir an die Regeln halten und daran interessiert sind, dass wir alle geschützt sind vor der Anste­ckung und dass wir gemeinsam diese Krise durchstehen. Und wir brauchen ein Vertrauen, dass der Staat mit seinen Organen funktioniert und dafür sorgt, dass nicht alles im Chaos versinkt und dass wir auch als Gemeinschaft nicht ins Bodenlose fallen, sondern einen Grund finden, auf dem wir aufbauen können.

Diese Hilflosigkeit ist nicht schön und hinterlässt bei uns die Sorge, den Draht zu der Person zu verlieren. Ich habe das schon öfters so erlebt und immer hat es mir keine Ruhe gelassen. Ich wollte weder einen Menschen, der mir ans Herz gewachsen ist, unter diesen Umständen sich selbst überlassen, noch wollte ich mich unfähig fühlen, ihn zu seinem nährenden Vertrauen zurückzubringen. Als Helfer/in geht man meistens davon aus, dass man es selbst besser weiß, dass es einem zumindest gerade besser geht, als demjenigen, dem man seine Unterstützung anbietet. Ungern erinnere ich mich an Situationen, in denen ich strauchelte und manchen Ereignissen kaum anhaltende Zuversicht abgewinnen konnte.
Anselm Grün ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, geistlicher Begleiter und Kursleiter in Meditation, Fasten, Kontemplation und tiefenpsychologischer Auslegung von Träumen. Seine Bücher sind weltweite Bestseller.

Zum Weiterlesen:
Anselm Grün, “Wie gutes Leben gelingt”, Herder Verlag, 22 Euro

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 6/2020

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