Mit Konflikten richtig umgehen

Es gibt Konflikte, bei denen eine klare Entscheidung zu einer guten Lösung führt. Und es gibt andere, bei denen es scheinbar keine richtige Entscheidung gibt. Wir haben eine Idee dazu, wie Sie mit Konflikten leichter leben können.

Alle Konflikte sind lösbar, sagt man uns. Wir müssen nur herausfinden, was wir wirklich wollen, sodann unsere Wünsche klar kommunizieren und vor allem konsequent dazu stehen. So sagt man. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und genau das ist es auch. Denn unser Alltag ist angefüllt mit kleineren und größeren Konflikten, bei denen uns die eine Wahlmöglichkeit ebenso wichtig ist wie die andere. Und egal, wofür wir uns entscheiden, es bleibt ein schales Gefühl; die Gelassenheit will sich nicht einstellen und das Glück ist getrübt. Was machen wir bloß falsch? Nichts!

Warum wir so oft mit uns selbst uneinig sind

Zweifel, innere Konflikte, Ambivalenzen gehören ebenso sehr zur Natur des Menschen wie alle anderen Gefühle auch. Sie sind Teil unserer Fähigkeit zu denken, allerdings oft auch der Preis unserer Überbetonung des Denkens. Heike Hoyer beschreibt dies in ihrem Buch „Das Tao des Hamsters“. Aus der Sicht des Erzählers, eines außergewöhnlich klugen kleinen Nagers, sind wir Menschen sehr merkwürdige Wesen. „Am allerseltsamsten“, so schließt er aus seinen Beobachtungen, „war zweifellos ihre Uneinigkeit mit sich selbst. Durch ihr ständiges Denken und Zweifeln werden sie permanent von Konflikten gebeutelt, im Gegensatz zum Tier, das seine klar verspürten Impulse unverzüglich in Handlung umsetzt und so immer mit sich im Einklang lebt.“

Weil er dies bei so unterschiedlichen Fragen wie der Wahl der passenden Garderobe oder des richtigen Lebenspartners beobachtet und dabei miterlebt, dass sich auch jede einmal getroffene Entscheidung im Nachhinein noch wunderbar anzweifeln lässt, hält er die ewig-menschliche Zweifelei schließlich für eine unschlagbare Methode, sich unsere aus seiner Sicht viel zu lange Lebenszeit zu vertreiben. Er nennt es „Konfliktproduktion mit eingebauter Unendlichkeitsschleife“.

Doch nicht aus Langeweile plagen uns Konflikte, sondern aufgrund unserer Suche nach dem Glück (was der kluge Hamster später auch erkennt). Genauer gesagt: aufgrund der Art, wie wir das Glück suchen. Denn wir haben uns angewöhnt, Glück und Leid als unvereinbare Gegensätze zu sehen, wobei es das eine zu erreichen und das andere unbedingt oder doch zumindest weitestgehend zu vermeiden gilt. Und schon nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Der Mensch, so Heike Hoyer, „will um jeden Preis das Glück und wehrt sich mit aller Kraft gegen das Leid. So liegt er immer mit dem Leben im Kampf.“ Denn obwohl es richtig ist, dass Glück und Leid Gegensätze sind, sind sie doch nicht unvereinbar, sondern es ist möglich – und völlig normal! – Glück und Leid zugleich zu empfinden. Wir müssen nur das Denken in Gegensätzen aufgeben.

Gegen die „Alles-oder-nichts-Mentalität“

Auch Lucy Danziger und Catherine Birndorf sprechen davon, die „Alles-oder-nichts-Mentalität“ abzulegen, und kommen damit dem, was sich bei scheinbar unlösbaren Konflikten in uns abspielt, ein Stückchen näher. In ihrem Buch „Die neun Räume des Glücks“ machen sie deutlich, dass es nicht um ein „Entweder-oder“ gehen kann, sondern nur um ein „Sowohl-als-auch“. Von zwei widersprüchlichen Ideen können sehr wohl beide wahr sein. Wir können eben wütend auf jemanden sein und ihn zugleich lieben. Wir können völlig anderer Meinung sein, aber unser Gegenüber dennoch respektieren. Und wie funktioniert das im konkreten Konflikt?

Nehmen wir einmal Folgendes an: Weil es nicht anders möglich war, konnten Sie nur zu einer Zeit Urlaub nehmen, in die der Geburtstag Ihrer Mutter fällt. Sie brauchen dringend Abstand und Erholung, obwohl zum Geburtstag Ihrer Mutter üblicherweise die ganze Familie zusammenkommt. Ihr Urlaub ist längst gebucht, da gibt Ihnen Ihre Schwester in einem Telefongespräch zu verstehen, dass sie findet, Sie sollten auf Ihre Reise verzichten und wie üblich zum Geburtstag der Mutter erscheinen. Der Konflikt bricht wieder auf. Sie ärgern sich über Ihre Schwester, die Ihnen Schuldgefühle macht, und fühlen sich von ihr kontrolliert, wie seit Jahrzehnten schon. Ihre Freude am Urlaub ist dahin. Was nun?

Vier Schritte, um Konflikte zu akzeptieren

  1. Schritt:Benennen Sie das Problem. In dieser komplexen Situation scheint Vieles über Sie hereinzustürzen. Betrachten Sie im Konflikt mit Ihrer Schwester darüber, was am Geburtstag Ihrer Mutter zu tun ist, zunächst die Botschaft (da könnte Ihre Schwester recht haben), dann die Botin (vielleicht beneidet Ihre Schwester Sie insgeheim um Ihren Urlaub) und schließlich Ihre eigenen Gefühle (Sie haben intensiv über diese Reise nachgedacht und es ist die einzige Zeit, in der Sie wegfahren können).
  2. Schritt: Finden Sie das „Strickmuster“ des Konflikts. Catherine Birndorf spricht davon, den „unbewussten Prozess“ zu erkennen. Insbesondere innerhalb der Familie entwickeln sich oft unbewusste Verhaltensmuster, die wir auch dann noch beibehalten, wenn sie uns längst nicht mehr dienen. Im Beispiel gehen Sie und Ihre Schwester immer noch so miteinander um, dass Sie sich durch Ihre Schwester kontrolliert fühlen.
  3. Schritt: Überlegen Sie, wo die Wurzel des Problems liegt. Selbst wenn Ihre Schwester ein wenig neidisch auf Ihren Urlaub sein sollte, ist das nicht der eigentliche Grund des Problems, sondern der Kern ist die Sorge um Ihre Mutter. Es ist Ihnen und Ihrer Schwester wichtig, für Ihre Mutter da zu sein, gerade am Geburtstag und anderen Festen.
  4. Schritt: Erkennen Sie, dass nicht „Entweder-oder“ die Lösung ist, sondern „Sowohl-als-auch“. Wenn Sie anerkennen, dass Sie zwei entgegengesetzte Gefühle gleichzeitig haben können, wird es leichter, mit dem Konflikt zu leben. „Ihre Überlegungen sollten jetzt nicht lauten: ‚Gib nach und ärgere dich oder fahr weg und fühl dich schuldig.‘ Sie sollten zu einem Kompromiss finden, mit dem Sie leben können. Vielleicht ein vorgezogenes Geburtstagsessen vor Ihrem Urlaub? Sprechen Sie auch aus, dass beide Gefühle in Ihnen vorhanden sind. Möglicherweise kommen Sie und Ihre Schwester sich dadurch sogar näher. Wie es scheint, liegt also das Geheimnis des Glücks gar nicht in der Konfliktfreiheit, sondern darin, mit unseren Gefühlen im Einklang zu sein, besonders mit den widersprüchlichen.
    Astrid Ogbeiwi
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