Neuanfang oder die Kunst, über den eigenen Schatten zu springen

Ein Neuanfang im Leben bringt allerlei Veränderung mit sich. Das kann beflügeln, aber auch Ängste und Selbstzweifel auslösen. Wie Sie Stolpersteine zu Sprungbrettern in ein neues Glück machen und warum auch der Zweifel ein guter Berater ist.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen“. Manchmal aber scheint es so, als bauten wir Windmühlen und das Leben richte hohe Mauern auf – selbst bei Veränderungen oder einem Neuanfang. Erst recht gilt dies für unerwünschte Veränderungen wie Arbeitsplatzverlust, Trennung oder Krankheit. Doch es gibt Möglichkeiten, konstruktiv mit Schwierigkeiten umzugehen und uns auf den Neuanfang vorzubereiten.

Drei Schlüsseldimensionen für einen Neuanfang

Für einen erfolgreichen Neuanfang und die damit einhergehenden Veränderungen hat die Schweizer Beraterin Sibylle Tobler drei Schlüsseldimensionen ausfindig gemacht:

1. Die Bereitschaft, genau hinzusehen

2. Die Entschlossenheit und der Mut, vorwärts zu gehen

3. Das Vertrauen anzukommen

Erfolgreich bedeutet dabei nicht, dass die Veränderung reibungslos verläuft. Das kann sie gar nicht; denn bei jeder Veränderung sind wir Lernende und Übende. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir lernen und üben, was positive Resultate ermöglicht. Genaues Hinsehen kann schwierig und schmerzhaft sein, gerade bei ungewollten Ereignissen. Wir müssen uns Fragen stellen wie „Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Wie bin ich daran beteiligt? Ist meine Haltung gegenüber der Situation motivierend und hilfreich oder nicht? Welche Sicht- und Denkweisen ermöglichen mir, produktiv zu handeln?“ So können wir Klarheit gewinnen und sehr viel gezielter und effektiver vorgehen. Auch Entschlossenheit und Mut sind nicht immer leicht aufzubringen. Hier hilft es, einen „motivierenden Horizont“ für sich zu entwickeln. Sibylle Tobler berichtet von einem herzkranken Klienten, für den gesunde Ernährung und Sport reine genussfeindliche Quälerei waren. Doch die Aussicht, mit seinem Enkel wieder Fußball spielen zu können, weckte in ihm die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. „Ein motivierender Horizont liegt oft näher als man denkt“, ermutigt sie. Er setzt Energie frei, macht Prioritäten deutlich und gibt unserem Handeln Richtung und Sinn. Vertrauen anzukommen bedeutet, darauf zu bauen, dass es immer wieder Möglichkeiten und Lösungen gibt und dass wir aktiv zu einem positiven Verlauf der Veränderung beitragen können. Es entwickelt sich, wenn wir:

1. Ängste ernst nehmen und uns z.B. Handlungsmöglichkeiten für den schlimmsten Fall überlegen. Dann hat die Angst keine Macht über uns, sondern wir erleben, dass wir ihr produktiv begegnen können;

2. offen bleiben für das, was gerade geschieht. Wir müssen nicht alles selber wissen und selber machen. Vielleicht ist der Tipp, dass in einer interessanten Firma eine Stelle frei wird, für uns der Beginn einer erfreulichen beruflichen Wende;

3. positive Erfahrungen wahrnehmen und wertschätzen. Veränderungen geschehen nicht „aus einem Guss“, sondern in einzelnen Schritten. Sich Zwischenziele zu setzen, z.B. die ersten fünf von 20 Kilo Gewichtsabnahme und sich dafür zu belohnen (z.B. mit einem schönen Kleidungsstück), schafft Erfolgserlebnisse, die positive Gefühle, neue Motivation und das Vertrauen wecken, das Ziel zu erreichen;

4. negative Erfahrungen zum Anlass nehmen, noch einmal genau hinzuschauen. Enttäuschungen, Rückfälle und Komplikationen bleiben nicht aus. Jetzt können wir überprüfen, ob wir unser Vorgehen verbessern, hilfreiche Strategien fürs Durchhalten entwickeln oder alternative Ziele ins Auge fassen sollten. Dadurch erleben wir, dass wir in der Lage sind, Schwierigkeiten zu bewältigen. Alle drei Dimensionen verstärken sich gegenseitig. Auf dem Weg durch eine Veränderung lauern allerdings auch einige Stolpersteine. Das sind negative Glaubenssätze, die wir so verändern können, dass sie zu echten Sprungbrettern werden.

Neun Stolpersteine und wie sie zu Sprungbrettern für einen Neuanfang werden

1. „Wo fange ich nur an?“ Manchmal brennt es an allen Ecken gleichzeitig, und wir stehen wie gelähmt vor den Herausforderungen. Jetzt hilft nur – Nichtstun! Verzichten wir auf hektisches „Feuerlöschen“ und nehmen wir uns Zeit für die wirklich wichtigen Fragen: Worum geht es hier? Und in welchem Bereich würde eine Lösung am meisten Entlastung bringen? Über welche positive Wendung würde ich mich am meisten freuen? So verschaffen wir uns Klarheit und setzen Prioritäten. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir für Entspannung sorgen. Denn dadurch werden die rechte Gehirnhälfte und damit der Zugang zu Intuition, Kreativität und unserem gesamten Erfahrungsschatz aktiviert. So fallen uns bessere Lösungen ein.

2. „Alles muss sofort anders werden!“ Manchmal möchte man am liebsten alles hinschmeißen. Damit eine radikale Veränderung nicht zur blinden Flucht wird, sollten wir uns fragen, warum wir etwas verändern wollen und wohin wir wollen. Ein radikaler Schritt sollte nie nur aus einer schlechten Situation heraus-, sondern stets auch in eine gute neue Situation hineinführen. Ohne diese Klarheit bleibt jedes Ziel ein Luftschloss, das sich auflöst, wenn wir danach greifen. Übrigens: Auch wenn wir einmal unüberlegt gehandelt haben, können wir uns jederzeit entscheiden, anders und systematischer weiterzumachen.

3. „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ „Man darf keine Ansprüche haben“ Wir alle kennen solche Stimmen, die uns von außen oder innen unter Druck setzen. Niemand braucht sich dafür zu schämen, im Gegenteil: „Wo Sie solche Anschauungen identifizieren, sind Sie in der Lage, Ihr Handeln nicht weiter davon bestimmen zu lassen“, versichert Sibylle Tobler. Sie rät, mit einem Blickwechsel zu experimentieren: Wenn ich davon überzeugt wäre, dass es das Wichtigste im Leben ist, glücklich zu sein, wie würde ich jetzt vorgehen? Diese Frage führt uns fast von selbst zu unseren Interessen und Stärken. Sie zu entdecken, gibt uns wiederum die Energie, notwendige Veränderungen zu wagen.

4. „Wie soll es jetzt bloß weitergehen?“ Besonders Veränderungen, die von außen über uns hereinbrechen – Pensionierung, Verlust des Partners, oder Krankheit – führen oft zu Rat- und sogar Perspektivlosigkeit. „Wenn der Blick nach vorne in ein großes Fragezeichen führt, ist der Ansatzpunkt, als erstes wieder in Kontakt zu kommen mit sich selbst“, rät Tobler. Was interessiert uns? Welche Tätigkeiten machen uns Freude? Wann sind wir „in unserem Element“? Dies muss gar nichts Neues, sondern es kann etwas lange Bekanntes und Unscheinbares sein. Wir haben die Freiheit auszuprobieren und müssen den Kurs nicht ein für alle Mal festlegen.

5. „Das geht nicht!“ Vorsicht: Dieser Satz ist eine Falle. Er verhindert die Erfahrung, dass wir mit mutigen Schritten etwas erreichen können. Egal ob Ausrede oder reales Hindernis, konstruktiver wirkt die Frage: „Was will ich jetzt eigentlich, und wie kann ich dazu beitragen, dass sich meine Situation verbessert?“ Sie verschiebt den Fokus auf das Mögliche und Erstrebenswerte und macht uns kreativer.

6. „Die anderen sagen aber …“ Veränderungen rufen immer eine Reaktion unserer Umwelt hervor. Jetzt hilft ein wenig Kommunikationstheorie. Danach gibt es vier Ebenen der Interaktion: Die Sachebene – hat eine Bemerkung gute sachliche Gründe, lohnt es sich, sie offen anzunehmen. Die Ebene der Selbstoffenbarung – mit ihrer Reaktion sagen Menschen immer auch etwas über sich selbst, ihre Anschauungen, Werte und Normen aus. Wenn wir dies wissen, können uns entsprechende Kommentare nicht mehr so leicht verärgern oder verunsichern. Die Ebene der Beziehung – wie wir zum Gegenüber stehen, beeinflusst sowohl wie die Person auf unser Veränderungsvorhaben reagiert als auch wie wir diese Reaktion aufnehmen. Stehen wir freundschaftlich oder ablehnend zueinander? Partnerschaftlich oder in einem Abhängigkeits- oder Konkurrenzverhältnis? Es ist immer nützlich, sich dies zu vergegenwärtigen. Die Appellebene – weil Menschen einander bewusst oder unbewusst beeinflussen wollen, ist es gut, sich zu fragen: Wozu will diese Person mich bewegen? Was sind ihre Interessen? So gewappnet sind wir unabhängiger von dem, was andere für richtig oder falsch halten und was sie über uns denken könnten, aber nicht blind oder taub für wertvolle Impulse.

7. „Ich bin zu unfähig dazu.“ Wir haben alle Momente, in denen unser Selbstvertrauen auf der Strecke bleibt. In solchen Situationen hilft es, nicht darüber nachzugrübeln, sondern die „Selbstvertrauens-Brille“ aufzusetzen, wie Sibylle Tobler sagt. Dann fragen wir uns: Was würde ich jetzt tun, wenn ich voller Selbstvertrauen wäre? Meist fällt uns erstaunlich schnell ein, was wir tun würden. Dies bringt zwar den inneren Kritiker nicht zum Verstummen, verweist ihn aber auf seinen Platz in den hinteren Rängen und hilft uns, freundlicher mit uns selbst umzugehen.

8. „Kein Licht am Ende des Tunnels.“ Nicht jeder kann so souverän mit Durststrecken umgehen wie Thomas Alva Edison, der behauptet haben soll: „Ich habe nicht versagt; ich habe nur 10.000 Wege gefunden, wie es nicht funktioniert.“ Wenn der Erfolg allzu lange auf sich warten lässt, gilt: Je nüchterner und präziser wir reale Schwierigkeiten im Blick haben – ohne Opferdenken und Schuldzuweisungen – desto produktiver können wir ihnen begegnen. Gerade jetzt sind Auszeiten wichtig; denn Distanz verschafft Überblick und verhilft zu Kreativität. Auch der Austausch mit Menschen in ähnlichen Prozessen, z. B. in einer Selbsthilfegruppe, kann jetzt hilfreich sein. Wenn aber alles nur noch zur Belastung wird, dann dürfen wir auch den Mut haben, uns von einem Ziel zu verabschieden.

9. „Soll ich oder soll ich nicht?“ Manchmal erleben wir eine Art inneren Wackelkontakt, wie Sibylle Tobler sagt: „Wir wollen eine bestimmte Veränderung, schrecken jedoch gleichzeitig davor zurück.“ Tatsächlich können Zögern und Zweifeln gute Berater sein; denn sie bringen uns dazu, nachzuforschen, was uns bremst und wie wir diese Bremse lösen können. Sie können Hinweise geben auf das uns zuträgliche Maß, sodass wir z.B. noch eine Zeitlang halbtags angestellt arbeiten, statt uns gleich ganz selbstständig zu machen. Stolpersteine auf dem Weg des Neuanfangs verlangen unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie ermöglichen uns, klar zu sehen und frei zu werden in unseren Entscheidungen. „Aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen,“ wusste schon Goethe.

Astrid Ogbeiwi

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