„Spieglein, Spieglein …“

Im digitalen Spiegel präsentieren wir eine perfekte Fassade, betteln um Applaus und versuchen so unser labiles Selbstwertgefühl vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen offenem männlichem und verdecktem weiblichem Narzissmus.

Wir leben in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft. Ganz oben auf der Werteskala stehen Individualismus, Selbstoptimierung, Wettkampf, Leistung, körperliche Perfektion und Konsum. Obwohl nur etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung von einer krankhaften Persönlichkeitsstörung namens „Narzissmus“ betroffen sind, nimmt die Zahl der Menschen mit narzisstischem Persönlichkeitsstil fortlaufend zu. Der ungebrochene Glaube an „schneller, höher, weiter, besser“ dient als Metapher für unser narzisstisches Zeitalter.

Offener Narzissmus

Meist verbinden wir Narzissmus mit klassisch „männlichen“ Eigenschaften, die alle in der Überzeugung an die eigene Grandiosität wurzeln. In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wimmelt es nur so von scheinbar selbstbewussten, überlegenen und glorreichen Männern. Reichtum, Luxus, Statussymbole und Macht über andere sollen helfen, die innere Leere nicht mehr zu spüren. So überzeugt sind sie von der eigenen Großartigkeit, dass sie es nicht einmal für nötig befinden, einen Spiegel zu befragen, wer denn der Schönste, Beste und Klügste im ganzen Land sei. Schließlich wissen sie die Antwort bereits. Im stummen Spiegel bewundern sie dann ihr makelloses Ich. Frei von Schattenseiten, Defiziten und Selbstzweifeln, lächelt ihnen das wunderbarste Wesen entgegen, das jemals einen Fuß auf die Erde gesetzt hat. Und sollte der Spiegel ungefragt doch etwas anderes behaupten, wird er umgehend als Lügner enttarnt und zerstört.

Strafe der Götter

Wie der rettungslos selbstverliebte Narziss, der eines Tages auf der Wasseroberfläche einer Quelle die begehrenswerteste Gestalt sah, die ihm jemals begegnet war, entbrennen diese Narzissten nur für sich selbst, alles andere erscheint ihnen nichtig. Dass die Götter den Jüngling für seinen Hochmut mit der Unfähigkeit zu lieben bestraften, gibt seinen modernen Nachfolgern nicht ernsthaft zu denken. Dabei nahm Narziss Geschichte kein glückliches Ende. In der griechischen Mythologie kursieren mehrere Versionen über seinen frühen Tod, doch in allen ging er an übersteigerter Selbstliebe zugrunde.

Narzisstische Menschen „brauchen es, im Mittelpunkt zu stehen, und betrachten andere Menschen und auch ihre Partnerinnen als Publikum, das dazu dient, ihnen das Leben zu verschönen und ihren Glanz zu verstärken. In Beziehungen zeigen sie sich ebenso wie in der therapeutischen Arbeit ablehnend, unerreichbar, ausweichend, abgrenzend, wenig empathisch und gefühlvoll. Dieser Typ der narzisstischen Ausprägung wird in der Literatur der unbeirrte oder offene, grandiose Narzisst genannt“, sagt die Psychotherapeutin und Narzissmus-Expertin Bärbel Wardetzki. Dies führt dazu, dass er sein stark ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl so erfolgreich abspaltet, dass er es selbst gar nicht mehr spürt. Deshalb erlebt der offene Narzisst Kritik und Widerspruch auch nicht als Selbstwerteinbruch, sondern als Zorn auf die Person, die es wagt, ihn herauszufordern.

Zum Weiterlesen:
Elinor Greenberg, “Borderline und Narzissmus”, Kösel Verlag, 30 Euro
Bärbel Wardetzki, “Weiblicher Narzissmus”, Kösel Verlag, 16,99 Euro

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2021

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