Fliegen ohne Furcht

Herzrasen, Schweißausbrüche, Todesangst – sobald sich die Kabinentür schließt, beginnt für Menschen mit Flugangst der blanke Horror. Die gute Nachricht: Mit den richtigen Strategien lässt sich die Sorge vor dem Fliegen wirksam bewältigen.

Für die meisten Menschen beginnt eine Flugreise mit Vorfreude. Für andere hingegen mit Anspannung. Schon Tage vor dem Abflug kreisen die Gedanken um mögliche Gefahren, am Flughafen steigt die Nervosität, und spätestens wenn sich die Bordtür schließt, übernimmt die Angst das Kommando. Das Herz schlägt schneller, die Hände werden feucht, die Atmung flacher. Manche Betroffene berichten von Schwindel, Übelkeit oder dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Andere erleben regelrechte Panikattacken und die quälende Gewissheit, einer Situation ausgeliefert zu sein, der sie nicht entkommen können. Flugangst ist weit mehr als ein vorübergehendes Unbehagen. Sie kann Urlaubspläne durchkreuzen, berufliche Möglichkeiten einschränken und Menschen davon abhalten, Familie oder Freunde in der Ferne zu besuchen. Obwohl das Flugzeug statistisch zu den sichersten Verkehrsmitteln gehört, erleben Betroffene die Situation häufig als bedrohlich und sehr belastend. Doch Flugangst ist wahrlich kein unabänderliches Schicksal. Wer versteht, wie Angst entsteht und welche Mechanismen sie aufrechterhalten, kann lernen, ihr wirksam zu begegnen.

Gelassenheit beim Fliegen

Genau hier setzt das Selbsthilfeprogramm der Diplompsychologin und ehemaligen Flugbegleiterin Karin Bonner an, das sie gemeinsam mit dem Lufthansa-Piloten Friedrich Klaiber entwickelt hat. Es zeigt Wege auf, angstauslösende Reize besser einzuordnen, belastende Gedanken zu hinterfragen und Schritt für Schritt mehr Sicherheit und Gelassenheit beim Fliegen zu gewinnen. Flugangst hat oft nicht nur eine Ursache, sondern setzt sich aus verschiedenen Ängsten und Unsicherheiten zusammen. Dazu gehören etwa Höhenangst, Platzangst oder das Unbehagen, die Kontrolle an unbekannte Piloten abzugeben. Auch die Sorge, vor anderen Passagieren Angst zu zeigen oder eine Panikattacke zu erleiden, kann die Anspannung verstärken. Hinzu kommt, dass viele Abläufe beim Fliegen für Laien schwer nachvollziehbar sind. Ungewohnte Geräusche, Turbulenzen oder technische Vorgänge werden deshalb häufig als Gefahr interpretiert, obwohl sie zum normalen Flugbetrieb gehören.

Kontrollverlust und körperliche Anspannung

Fehlendes Wissen über die Funktionsweise von Flugzeugen und die hohen Sicherheitsstandards kann dazu führen, dass Risiken überschätzt und Katastrophenszenarien gedanklich ausgemalt werden. Flugangst entsteht somit oft aus einem Zusammenspiel von Kontrollverlust, körperlicher Anspannung, Unsicherheit und der Angst vor möglichen Gefahren. „Ein Ausfall eines Triebwerkes – das Flugzeug kann dann auch ohne eine Notlandung ganz normal auf einem Flughafen landen; Ausfall aller Triebwerke – auch wenn dies extrem unwahrscheinlich ist, fällt ein Flugzeug nicht wie ein Stein vom Himmel, sondern kann aus dem normalen Reiseflug von ca. 11.000 Metern noch 200 km weit gleiten“, erklärt Karin Bonner.

In 4 Schritten die Angst überwinden

Flugangst, in der Fachsprache auch Aviophobie genannt, entsteht selten durch eine einzige Ursache. Vielmehr setzt sie sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen und verstärken können. Persönliche Erfahrungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie erlernte Denkmuster, körperliche Stressreaktionen oder die gedankliche Beschäftigung mit möglichen Risiken. Entsprechend gibt es auch nicht den einen Weg, Flugangst zu überwinden. Erfolgversprechend sind vielmehr unterschiedliche Ansätze, die an verschiedenen Ebenen ansetzen. Besonders wirksam kann die Kombination aus körperlichen Entspannungstechniken und einer bewussten Auseinandersetzung mit angstauslösenden Gedanken sein. So lässt sich die Angst Schritt für Schritt besser verstehen und kontrollieren.

1. Ein gutes Ziel

Wer seine Flugangst überwinden möchte, braucht mehr als den bloßen Wunsch, keine Angst mehr zu haben. Entscheidend ist laut Karin Bonner eine starke persönliche Motivation. Statt sich auf die Angst zu konzentrieren, empfiehlt die Psychologin, den Blick auf das zu richten, was nach dem Flug wartet: die lang ersehnte Reise, neue Erlebnisse oder das Gefühl, ein Stück Freiheit zurückgewonnen zu haben. „Kämpfen Sie nicht gegen die Angst. Denken Sie lieber an Ihre künftige Freiheit“, empfiehlt Bonner. Je konkreter das Ziel vor Augen steht, desto größer ist die Bereitschaft, die unangenehmen Gefühle während des Flugs auszuhalten. Wer sich lebhaft ausmalt, wie es sich anfühlt, entspannt am Zielort anzukommen, aktiviert zusätzliche Motivation und stärkt das Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit. Dabei gilt: Ziele sollten persönlich bedeutsam, realistisch und erreichbar sein. Denn nicht die Angst selbst steht im Mittelpunkt des Veränderungsprozesses, sondern das Leben, das hinter ihr wartet. Für den bevorstehenden Sommerurlaub direkt einen Flug bei der Airline seines Vertrauens zu buchen, wäre ein weiterer Schritt: „Ich nehme mir ganz fest vor, den von mir gebuchten Flug wahrzunehmen – in der Ferne werde ich bereits vom Rauschen des Meeres erwartet.“

2. Bewusst atmen

Für Karin Bonner ist Flugangst vor allem eines: ein Zustand hoher körperlicher Anspannung. Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel oder Atemnot sind dabei keine Anzeichen tatsächlicher Gefahr, sondern natürliche Reaktionen eines Körpers, der sich auf „Kampf oder Flucht“ vorbereitet. Das Problem: Im Flugzeug gibt es weder etwas zu bekämpfen noch die Möglichkeit zur Flucht. Die aufgestaute Energie verstärkt deshalb das Gefühl von Hilflosigkeit und Angst. Bonner erklärt, dass unser Gehirn nicht zuverlässig zwischen realen und nur wahrgenommenen Bedrohungen unterscheidet. Eine sich schließende Flugzeugtür kann daher dieselbe Stressreaktion auslösen wie eine tatsächliche Gefahr. Das vegetative Nervensystem schüttet Stresshormone aus, der Herzschlag beschleunigt sich, die Atmung wird flacher und schneller. Viele Betroffene interpretieren diese Symptome wiederum als Beweis dafür, dass etwas nicht stimmt – ein Teufelskreis entsteht.

Zum Weiterlesen:
Karin Bonner/Friedrich Klaiber, Nie mehr Flugangst, Patmos Verlag, 18 Euro

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2026

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