Investiert mehr Zeit in eure Freundschaften

Ulrike Scheuermann ist überzeugt: weder Sport, Nichtrauchen oder Biogemüse sorgen für ein gesundes und langes Leben. Es ist vielmehr die Qualität unserer Freundschaften. Warum das so ist, erklärt sie in ihrem Buch „Freunde machen gesund“ und in unserem Gespräch.

Frau Scheuermann, wie lautet Ihre Definition von Freundschaft?

Alle Sozialkontakte können freundschaftliche Qualitäten haben. Freundschaft kann vorkommen mit dem oder der PartnerIn, mit engen und entfernteren FreundInnen, mit KollegInnen und anderen Arbeitskontakten bis hin zu Freundschaften in Gruppen. Entscheidend sind Freude, Wärme und das Gefühl des Miteinanders. FreundInnen sind diejenigen, die unser Leben bereichern, die es bunt, lebendig und interessant machen, die da sind, wenn’s drauf ankommt, und mit denen Empathie, Vertrauen, Wertschätzung, Zuneigung und emotionale Nähe stattfindet. Freunde sind die, die uns helfen.

Der Titel Ihres Buches verrät es schon: Freunde machen gesund. Können Sie etwas mehr über die heilsame Wirkung guter Freundschaften verraten?

Viele große Meta- und Langzeitstudien weisen zweifelsfrei nach: Die beiden wichtigsten Faktoren für Gesundheit und ein langes Leben sind soziale Faktoren: Erstens die soziale Integration, also das Eingebundensein in eine Gemeinschaft. Zweitens, fast gleichauf: nahe, stabile und unterstützende Kontakte, also unsere engen, verlässlichen Freundschaften. Erst nach diesen beiden wichtigsten Faktoren kommen die anderen, die uns gesund erhalten, wie Nichtrauchen, wenig Alkohol und die Grippeimpfung. Und dann Sport, kein Übergewicht und saubere Luft.

Warum ist das so?

Das Zusammensein und ein sicheres Verbundenheitsgefühl mit anderen Menschen macht uns ruhig und gelassen, denn es ist unser natürlicher Zustand. Wir fühlen uns aufgehoben. Das senkt den Stresslevel. Wir Menschen sind durch und durch soziale Wesen und in fast jeder freien Minute, auch wenn wir allein sind, denken wir an andere Menschen. Unsere sozialen Kooperationsfähigkeiten beanspruchen tatsächlich auch den Löwenanteil unseres Gehirns, deshalb haben wir ja vergleichsweise riesige Gehirne. Mit Hilfe dieser großen Gehirnkapazität gelingt es, dass wir uns sicher in komplizierten, weitverzweigten sozialen Netzen bewegen und zusammenarbeiten. Gut sozial eingebunden sind wir resilienter gegen Depression, schlafen tiefer, unser Immunsystem arbeitet besser und wir erholen uns schneller von Krankheiten.

Oftmals haben wir viele gute Bekannte, aber wenig gute Freunde: Wie schaffe ich es, in einer Freundschaft mehr Nähe herzustellen und ihr Tiefe zu verleihen?

Es klingt banal, aber Zeit ist ein ganz entscheidender Faktor. Schenken wir jemandem unsere Zeit, rückt diese Person näher. Verschiedene Studien weisen das nach: Je mehr die Versuchspersonen miteinander interagierten, desto attraktiver, Vertrauen erweckender und sympathischer werden sie füreinander. Seine FreundInnen jeweils mindestens einmal pro Monat zu treffen, macht auch am zufriedensten. Wen wir zeitlich vernachlässigen, die oder der entfernt sich, und zwar ziemlich rasch: Bereits nach einigen Monaten mit geringem Zeitinvestment lässt die emotionale Nähe nach. Das bedeutet, wir können nur zu wenigen nahen Kontakten eine exklusive, nahe und tiefe Beziehung pflegen. Drei bis fünf ist die Grenze, nur einige sozial sehr aktive Menschen, die zudem über viel freie Zeit verfügen, ­haben mehr als fünf. Fünf Freunde scheint nach den Studien eine magische Zahl zu sein, mehr geht einfach nicht.

Ulrike Scheuermann ist Diplom-Psychologin und Bestsellerautorin. Mit modernen Methoden der Psychologie hilft sie Menschen, ihr Leben innerlich frei und ohne Blockaden zufriedener und gesünder zu gestalten. In ihren Vorträgen, Büchern und Medienauftritten vermittelt Scheuermann einem Millionenpublikum die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Psychologie und wie man sie einfach für sich umsetzt. www.ulrike-scheuermann.de

Zum Vertiefen: Ulrike Scheuermann, Freunde machen gesund, Kaur Balance, 20 Euro.

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 6/2021

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