Sei glücklich, nicht perfekt!

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Gut ist heutzutage nicht mehr gut genug, es muss immer noch besser sein. Und das gilt auch für uns. Könnten wir nicht selbst auch viel besser sein? Doch ein übertriebenes Streben nach Perfektionismus ist zum Scheitern verurteilt.

Der folgende Text wird in wohl gewählten Worten und makellosen Formulierungen sämtlichen Leserinnen und Lesern klar und absolut unmissverständlich begreiflich machen, dass das übertriebene Streben nach Vollkommenheit zum Scheitern verurteilt ist, unglücklich macht und deshalb nicht weiter verfolgt werden sollte. Vielleicht denken Sie jetzt, dass die Autorin dieser Zeilen dem Größenwahn verfallen oder nicht ganz richtig ist im Kopf? Niemand kann einen perfekten Artikel schreiben! Und im nächsten Moment legen Sie das Heft beiseite, um Ihre perfekte Präsentation für das nächste Meeting vorzubereiten, den perfekten Geburtstagskuchen zu backen, im Fitness-Center für die perfekte Figur zu schwitzen oder das perfekte Wochenende in London zu planen. Irgendwie scheint es leichter, den Splitter im Auge des anderen zu erkennen als sich des Balkens im eigenen gewahr zu werden.
Erwarten Sie stets Bestleistungen von sich selbst? Ist Ihr Selbstwertgefühl überwiegend von Ihren Leistungen abhängig? Haben Sie Angst, Fehler zu machen? Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch Sie zu übertriebenem Streben nach Vollkommenheit neigen. Im Duden ist diese Definition von Perfektionismus noch mit dem Hinweis „leicht abwertend“ versehen, doch im Alltag erscheint es inzwischen als Selbstverständlichkeit, immer und überall das Bestmögliche herauszupressen und dennoch mit dem Erreichten nie zufrieden zu sein.

Perfektionismus als Norm

Dann ergeht es uns wie dem perfektionistischen Mönch in einer alten Zen-Geschichte. Dieser sollte in seinem Kloster eine Mauer errichten und gab sich große Mühe, alle tausend Steine gerade und gleichmäßig aufeinanderzusetzen. Doch als er sein Werk beendet hatte, entdeckte er zu seinem Entsetzen zwei schief sitzende Steine, über die er sich fortan jedes Mal ärgerte, wenn sein Blick auf die Mauer fiel. Als ein Klosterbesucher sein Werk bewunderte, erkundigte sich der Mönch verblüfft, ob dieser denn die beiden schiefen Steine nicht gesehen habe. „Natürlich sind sie mir aufgefallen“, antwortete der Besucher, „aber ich sehe auch 998 gut gesetzte Backsteine.“

Ein Selbstoptimierungswahn greift um sich.

Vor allem Frauen erwarten von sich, Karriere, Kinder, Partnerschaft und alles, was sonst im Leben so anfällt, stets locker flockig unter einen Hut zu bringen. „Dabei stellen sie hohe Erwartungen an sich selbst: Perfekt gestylt, voller Tatendrang und brillanter Ideen möchten sie sein – Superfrauen eben. Ihr Perfektionismus ist aber ein typischer Auslöser für Stresssymptome“, stellt eine Untersuchung der DAK fest. Während sich nur 37 Prozent der Männer von den eigenen hohen Ansprüchen antreiben lassen, sind diese bei den Frauen mit 48 Prozent Stressauslöser Nummer eins.
Doch die Männer holen auf. Inzwischen scheint eine ganze Generation von Perfektionisten heranzuwachsen. Thomas Curran und Andrew Hill, zwei britische Psychologen, haben nachgewiesen, dass gerade die Jüngeren immer perfektionistischer werden. In ihrer Meta-Studie wurden Daten von fast 42.000 Studierenden aus den USA, Kanada und Großbritannien untersucht, die zwischen 1989 und 2016 einen Fragebogen zum Thema Perfektionismus ausgefüllt hatten. Dabei unterschieden die beiden Forscher von wem die hohen Ansprüche ausgehen und an wen sie sich richten. Es zeigten sich drei verschiedene Spielarten: Der „klassische“ Perfektionist erwartet von sich selbst, perfekt zu sein, und nahm im Beobachtungszeitraum um 10 Prozent zu. 33 Prozent mehr Studierende als vor 20 Jahren haben heutzutage das Gefühl, dass andere von ihnen Perfektion erwarten, und schließlich sind auch die Erwartungen, dass unsere Mitmenschen perfekt sein sollten, um 16 Prozent gewachsen.
Curran und Hill gehen davon aus, dass es sich bei dieser Entwicklung um ein kulturelles Phänomen handelt, das in unserer heutigen neoliberal kapitalistischen Leistungsgesellschaft besonders gut gedeihen konnte. Materialismus und die Überbewertung des sozialen Status führen zu permanenter Selbstoptimierung und wachsendem Konkurrenzdruck.

Das perfekte Selbst als Illusion

Auch der Glaube, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, ist damit eng verbunden. Wer es nicht zu Reichtum und Ansehen bringt, gilt als weniger begehrenswert und ist selber schuld. Zusätzlich tragen die Sozialen Medien mit ihren omnipräsenten Rankings, Scorings, gegenseitigen Leistungskontrollen, Kommentaren und einem permanentem Zwang zur Selbstdarstellung entscheidend dazu bei, dass sich immer mehr Menschen von anderen unter Druck gesetzt fühlen. Hinzu kommt eine verunsicherte Elterngeneration, die ein „Scheitern“ ihres Nachwuchses als eigenes Versagen empfindet, und deshalb bereits Kindergartenkinder unter Leistungsdruck setzt…
Veronika Schantz

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 3/2019

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