Wenn alles zu viel wird, fang klein an

Immer mehr Menschen fühlen sich dauerhaft überlastet. Was kann man dagegen tun? Wir sprechen mit dem Psychologen Hans-Georg Willmann darüber, wie wir lernen, unsere eigenen Grenzen wahrzunehmen und wieder zurück in die eigene Kraft finden können

Herr Willmann, in Ihrem Buch „Erschöpft, aber nicht machtlos“ schreiben Sie, dass viele Menschen ihre Erschöpfung erst dann bemerken, wenn sie schon mitten im „Teufelskreis“ stecken. Warum fällt es uns so schwer, die eigenen Grenzen rechtzeitig wahrzunehmen?

Die meisten von uns sind aufgewachsen mit Botschaften wie „Reiß dich zusammen“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Solche Glaubenssätze sitzen sehr tief in uns. Das innere Signal „Ich bin überlastet“ wird dann nicht als Hinweis wahrgenommen, den man ernst nimmt, sondern als Schwäche, die man überwindet. Hinzu kommt: Chronischer Stress erzeugt eine Art Gewöhnungseffekt. Was früher als Alarmzeichen wahrnehmbar war, fühlt sich irgendwann normal an. Viele Menschen merken erst im Urlaub, wenn der Körper endlich loslässt, wie erschöpft sie wirklich waren. Die Grenze war längst überschritten, aber das Stresssystem hatte sie betäubt. Und schließlich: Grenzen zu setzen kostet kurzfristig mehr Energie. Zum Beispiel hat das „Neinsagen“ oft unmittelbare soziale Konsequenzen: Enttäuschung, Reibung, das Gefühl, jemanden im Stich zu lassen. Die Erschöpfung dagegen kommt schleichend und später. Unser Gehirn bevorzugt kurzfristige Sicherheit und so wird das „Ja“ zur Erschöpfung zu unserer Gewohnheit, auch wenn uns das langfristig schadet.

Woran können Menschen erkennen, dass sie nicht einfach nur „eine Pause brauchen“, sondern dass wirklich etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist?

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie über die richtige Reaktion entscheidet. Müdigkeit ist normal und reversibel. Wenn wir uns anstrengen, werden wir müde. Nach einer Pause sind wir wieder fit. Erschöpfung ist anhaltend und geht tiefer. Hier hilft Erholung kurzfristig, aber der Akku bleibt dauerhaft niedrig. Das Gefühl, nie wirklich aufzutanken, wird zum Dauerzustand. Burnout ist das Ende einer langen Entwicklung, ein Zustand emotionaler, mentaler und körperlicher Entleerung, der sich ohne professionelle Unterstützung kaum selbst auflöst. Die entscheidende Frage ist: Was passiert nach der Pause? Wer nach einem langen Wochenende oder Urlaub wieder frisch und handlungsfähig ist, war müde. Wer zurückkommt und nach zwei Tagen wieder genauso erschöpft ist wie vorher, dem fehlt mehr als eine Pause.

Spannend finde ich Ihren Gedanken der „Wahrnehmungsverschiebung“ – dass wir uns schleichend an Überforderung gewöhnen. Glauben Sie, dass anhaltende Überlastung heute fast schon gesellschaftlich normalisiert wird?

Wer immer verfügbar ist, gilt als zuverlässig. Wer „Nein“ sagt, muss sich erklären. Das macht es strukturell schwer, Grenzen rechtzeitig zu setzen, selbst wenn man sie innerlich spürt. Das ist besonders bei Menschen mit hohem Engagement und starkem Berufsethos ausgeprägt. Sie fragen sich oft: „Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere?“ Die eigene Grenze wahrzunehmen, bedeutet manchmal, das eigene Selbstbild zu erschüttern. Das ist psychologisch aufwändig und wird deshalb oft vermieden.

Zum Vertiefen: Hans-Georg Willmann, Erschöpft, aber nicht machtlos, Junfermann Verlag, 26 Euro

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2026

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